Aus bestimmten Gründen beschäftige ich mich im Moment ausgiebig mit dem Blues. Als Erinnerung an meine Studien habe ich dieses Tagebuch (diesen Blog) angelegt. So kann ich meine Suchergebnisse gut abspeichern und Euch daran teilhaben lassen. Für einen Täglichen Bluestip reicht die Zeit leider nicht mehr. Deshalb wird es diese Beiträge in Zukunft unregelmässig geben. Ich tue mein Bestes.
Alexander Blume (* 19. Juli1961 in Eisenach) ist ein deutscher Boogie-Woogie-, Blues- und Jazz-Pianist. In der DDR gehörte Blume neben Jürgen Kerth, Lutz Kowalewski und Waldemar Weiz (ergo, Engerling) zu den bekanntesten Vertretern der ThüringerBluesszene.
lume erhielt bereits mit acht Jahren Klavierunterricht. Im Jahre 1971 trat er gemeinsam mit seinem Bruder Stanley Blume im Eisenacher Jazzklub, dem ältesten Jazzklub in der DDR, erstmals öffentlich auf und mit 16 Jahren wurde er Mitglied der Travelling Blues Band. Im Jahre 1978 holte ihn Stefan Diestelmann nach Ost-Berlin. Bis zu dessen „Republikflucht“ im Jahre 1983 gehörte Blume der Stefan Diestelmann Folk Blues Band an und ist auf den LPs „Hofmusik“ und „Folk, Blues & Boogie“ am Klavier zu hören.
1985 begann er ein Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin, welches er 1986 aus politischen Gründen abbrach.[1] Nachdem sich die Band von Stefan Diestelmann aufgelöst hatte, wechselte Blume zu Zenit. 1987 nahm das DDR-Label Amiga das erste Soloalbum mit Blume auf.
1988 gründete er seiner erste eigene Band, die Intercity Blues Band und arbeitete mit Big Joe Stolle, mit dem er bereits bei Zenit gemeinsam musiziert hatte, zusammen. Zeugnis dieser Zusammenarbeit ist die 1990 veröffentlichte CD „Reflection in Blues“.
Im Jahre 1992 eröffnete Blume eine private Musikschule in Eisenach. Seit Mitte der 1990er Jahre ist er vorwiegend solistisch tätig. Das Soloprogramm ist eine Hommage an die Traditionen berühmter Boogie- und Swing-Pianisten.
Ab 1995 führten ihn Gastspielreisen regelmäßig in das Ausland. Er
gastierte bereits in Schweden, Tschechien, den USA, Litauen und in der
Türkei.
Seit 1998 existiert die Alexander Blume Jazz Family. Zu dieser Formation gehören seine Söhne Maximilian (Schlagzeug), Daniel (Klarinette, Saxophon), Cornelius (Trompete), Michael (Bass) und Gunter Mlynski (Posaune).
Das Alexander Blume Trio gründete er im Jahre 2003. Das Trio,
bestehend aus seinem Sohn Maximilian am Schlagzeug und dem Bassisten
Andreas Buchmann, sieht sich in der Tradition bluesorientierter Hardbop- und Soul-Pianisten, wie Ray Bryant, Bobby Timmons, Ramsey Lewis und Les McCann und wird gelegentlich durch den Trompeter Daniel Hofmann ergänzt, mit dem er 2003 die CD „I believe in music“ aufnahm.[2]
Zeitweilig arbeitet Blume mit weiteren Musikern und Bands zusammen
und war an der Produktion von gemeinsamen Alben beteiligt (Christoph
Gottwald, Jana Wiesenthal, Undertaker Blues Band, Mama Blues Projekt,
Kasseturm Jazzband Weimar). Neuestes Projekt ist die Iceland Blues Band, mit der er im Jahre 2007 die CD „Iceland Blues“ aufnahm. Zur Band gehören: Alexander Blume (Piano), Daniel Hofmann (Trompete, Flügelhorn), Wieland Götze (Schlagzeug), Christian Patzer (Saxophon) und Ole Rausch (Gitarre).
Alexander Blume Boogie Woogie Piano Sunday Morning Blues
Travelling Blues
... war
eine Band aus Eisenach. Gegründet wurde sie Anfang 1974 von Dieter
Gasde. Zur Urbesetzung gehörten neben Gasde: Christoph Martin Neumann
(g, bg), Mike Ullrich (dr), Hans Peter Beck (voc) und Rudolf Schmidt
(g). Schon ein Jahr später zum ersten Thüringer Bluesfestival spielte
man vor
3
000 Zuschauern und wurde gefeiert. Obwohl auch diese Band eine zeitlang
mit verschiedenen musikalischen Stilrichtungen experimentierte, fühlte
sich Travelling, wie fast alle Thüringer Bands, dem tiefschwarzen,
traditionellem Blues verbunden. Im Repertoir hatte die Band auch
Eigenkompositionen mit Texten von Heinrich Heine.
1976
wurde die Band von Sänger Peter Montag neuformiert und wurde kurze
später als "Hervorragendes Volkskunstkollektiv der DDR" ausgezeichnet,
woraufhin Travelling zunehmend überregionale Bedeutung erlangte. Man gab
bis zu siebzig Konzerte im Jahr.
Nach anfänglich häufig wechselnder Besetzung spielte Travelling ab 1980 in der Besetzung:
DieterGasde (voc, harm, sax, fl)
Rudolf Schmidt (g)
Thomas Kögel (dr)
Erich Fenske (p)
Karl Aschenbach (voc, bg, g).
Auch Alexander Blume gehörte der Band eine zeitlang als Pianist an.
Die
Band erfreute sich besonders im Thüringer Raum großer Beliebtheit und
blieb, bis auf wenige Rundfunkproduktionen, eine Live-Band. Im Rahmen
des American Folk Blues Festivals begleitete die Band Louisiana Red,
nahm am Festival "Rock für den Frieden" teil und bekam sogar die
Möglickeit im östlichen Ausland zu gastieren. Mit der Wende in der DDR
kam auch für diese Band praktisch das Ende. Offiziell aufgelöst wurde
sie jedoch erst 1999 nach dem Tod von Fenske.
Gasde
verfolgte jedoch schon ab der 1980er Jahre eigene Projekte, trat
nebenher mit Neuman als Duo "Bluesong" auf, sang bei „Prima Klima“,
arbeitete zeitweilig mit Stefan Diestelmann, Alexander Blume und Thomas
Stelzer zusammen. Gemeinsam mit Hendrik Kleditz tritt er als „Good News“
auf, gehörte dem „Thüringer Blueszirkus“ an und spielte im "Leonard
Exson Trio".
Schmidt, auch als „Blues-Schmidt“ bekannt ist heute Mitglied der "Alex Exson Band".
„Kalle“
Aschenbach, eigentlich Karl-Gustav Reinhold Aschenbach, kam von
„Liederjahn“, wo er von 1979 bis 1981 spielte, hatte ab 1989 diverse
Projekte undspielt heute vor allem bei „Pocket Jazz“ und „Jazz Cube“.
Zum
Bluesfasching in Apolda in 2010 stand die Band wieder auf der Bühne.
Die aktuelle Besetzung: Christoph Gottwald (bg, tuba), Frank Müller
(dr), Boris Tautorat (g), Kate Daniels (voc), Dieter Gasde (voc, sax,
fl, harm) und Andreas "Andi" Geyer (org, p).
Alexander Blume Boogie Woogie Piano Honky Tonk Train Blues
Als
Kind war es mein sehnlichster Wunsch, neben Schlagzeug auch Klavier
spielen zu können. Leider bekam ich nie die Chance es zu lernen.
Immerhin brachte ich mir selbst den "Flohwalzer" bei, doch damit waren
meine künstlerischen Vorstöße auch schon erschöpft. Einer, der es
tausendfach besser kann, für den das Klavier so etwas wie "das zweite
Ich" darstellt, lebt im thüringischen Eisenach - leider weitgehend
unbeachtet von der überregionalen Öffentlichkeit. Dabei hätte er
durchaus die große Bühne verdient, denn er ist einer der begnadetsten
und besten Pianisten in deutschen Landen. Sein musikalisches Herz
schlägt für den Boogie Woogie, den er so begeisternd und hingebungsvoll
interpretiert wie kaum ein Zweiter. Der Blues wohnt ebenso in ihm wie
die Liebe zur Jazzmusik, was er nach wie vor immer wieder bei seinen
Konzerten eindrucksvoll beweist.
Natürlich kann es hier nur um einen gehen: ALEXANDER BLUME. Manch einer
wird jetzt fragend gucken und rätseln, wo er den Namen schon mal gehört
hat. Vermutlich wird ihm dann einfallen, dass die Lösung bereits mehr
als dreißig Jahre zurückliegt, denn da begann ALEXANDER BLUME als gerade
mal 17-jähriger Bursche in STEFAN DIESTELMANNs Folk Blues Band erste
Anerkennung für sein Klavierspiel zu ernten. Als nächstes strandete er
dann bei BIG JOE STOLLE's Band ZENIT, ehe er sich dazu entschied,
zunächst als Solist weiterzumachen und im Laufe der Jahre diverse
musikalische Projekte anzugehen.
In unserem Interview zeichnen wir ALEXANDER BLUMEs facettenreichen Weg
als exzellenter Musiker nach, erhalten interessante Einblicke über seine
Zeit bei und mit Stefan Diestelmann, erfahren etwas über sein
Engagement als Musikpädagoge, welche Rolle das ferne Jordanien in seinem
Leben spielt und vieles mehr...
Otis Spanns mitreißender Klavierstil
ist aus dem Chicago Blues der 50er Jahre nicht wegzudenken. Er
begleitete Bluesgrößen wie Muddy Waters, Howlin' Wolf, Buddy Guy,
Little Walter, Bo Diddley und Sonny Boy Williamson ll bei unzähligen
Sessions. Außerdem wirkte er 15 Jahre lang in der Muddy Waters'-Band
mit. Seine vielversprechende Solo-Karriere endete 1970 nach nur
zweijähriger Dauer, als er an Krebs starb.
In seinen Eigenschaften als Bandleader
und -mitglied hat Otis Spann einen beispiellosen Beitrag zum Chicago
Piano-Blues geliefert. Seine Musik gehörte zu einer Sparte des
Blues, die sich seit den
90er Jahren des vorigen Jahrhunderts
kon- tinuierlich entwickelt hatte. Denn der Piano-Blues hatte seine
Wurzeln in einer anderen Tradition als in der, die Gitarristen und
Banjospieler inspirierte.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war das
Klavier von den exakten Synkopen des Ragtime bestimmt. Die meisten
“Ragtimer” - angeführt von Scott Joplin - waren ausgebildete
Musiker. Aber viele der nachfolgenden Pianisten, die sich von Joplin
inspirieren ließen, hatten keinerlei syste-matische musikalische
Ausbildung durchlaufen. Sie kreierten einen Stil, der die strengen
Gesetze des Ragtime sprengte und Raum für Inspiration zuließ.
KEIN VORNEHMES MILLIEU
Diese Musiker hatten nie eine
Konzerthalle von innen gesehen. Sie spielten vielmehr in
Etablisse-ments, die nicht gerade der geistigen Erbauung dienten: Es
gibt Hinweise darauf, daß der Piano Blues in den Work-Camps von
Louisiana und Texas seinen Ursprung hatte. Ein rauhes Milieu
erforderte eine Art der Unterhaltung, die auch nicht gerade zart
besaitet war. Der Boogie-Woogie erfüllte diese Bedingungen. Die
flotte Musik, bei der der Pianist mit der linken Hand rhythmi-
sche Achtelwerte spielt und mit der
rechten im Oktavbereich improvisiert, kam auch bei einem schwer zu
bändigenden Publikum gut an. Ein ganzer Wanderzirkus von Pianisten
zog durch die Lager der Holz- und Baumwollarbeiter, durch Bordelle,
Bars, Barrelhouses und Vaudeville-Theater. Verschiedene Moden und
Vorlieben entstanden, und jede Stadt hatte ihre eigenen Lokalgrößen,
die für ihren individuellen Stil oder ihre Melodien berühmt waren.
Später, in den 30er Jahren, kamen Klavier-und-Gitarre-Duos auf.
Bekannte Vertreter dieser Spielweise waren z.B. Tampa Red und Georgia
Tom (Thomas Dorsey). Als Dorsey aus dem Bluesgeschäft ausstieg,
arbeitete Tampa Red unter anderen mit Black Bob und Blind John Davis
zusammen. Im Sommer 1941 tat er sich mit einem neuen Partner
zusammen, Big Maceo Merriweather, der in Georgia geboren war, jedoch
in
Detroit wohnte. Im Oktober 1945 spielte
Maceo “Chicago Breakdown” ein - einen Titel, der seine
außergewöhnliche Power und seinen
Erfindungsreichtum demonstrierte. Ein Schlaganfall beendete seine
Karriere, aber er gab sein Können an zwei begeisterte Schüler
weiter. Der erste war Little Johnny Jones, der 1949 Mitglied von
Tampa Reds Band wurde und dann eine andauernde Platten-
Partnerschaft mit Elmore Jones einging.
Der zweite Schüler war Otis Spann, der später den typischen Chicago
Piano-B1ues-Stil verkörpern sollte.
Otis wurde am 21. März 1930 in
Belzoni, Mississippi, als Sohn von Frank Spann und Josephine Erby
geboren. Seine Mutter hatte einst mit Memphis Minnie gesungen, war
aber später zur frommen Christin avanciert und billigte die
Bluesmusik nicht mehr. Sein Vater war weitaus toleranter in dieser
Hinsicht, und es amüsierte ihn, welch ungeheure Faszination das
Blues-Piano-Spiel von Friday Ford (einer lokalen Bluesgöße) auf
Otis ausübte. "Friday Ford war ein toller Mensch und ein
großartiger Klavierspieler”, so Otis im Gespräch mit Paul Oliver.
Und weiter sagte
er: “Ich halte ihn sogar für ein
Genie. Er brachte mir alles übers Klavierspielen bei - bis kurz vor
seinem Tod war ich sein Schüler. Er nahm mich immer auf den Schoß
und sagte: 'Hier (am Klavier) sitzt du nur, weil du spielen lernen
sollst." Aber ich konnte noch nicht spielen, weil ich einfach zu
klein war und meine Finger noch nicht lang genug waren, um in die
Tasten zu hauen. Und später, als es mit dem Spielen ging. da war er
schon tot. Aber ich hab` nichts von dem vergessen, was er
mir gezeigt hatte Ich hatte es im
Kopf. Und so fing ich an zu spielen. Hab`s alles ihm zu verdanken."
Der Vater kaufte Otis ein Klavier, und innerhalb von 24 Stunden wurde
seiner Mutter klar, was er darauf trommelte – den Blues. Frank
Spann konnte sie beruhigen - wohl dadurch, indem er sie davon
überzeugte, daß das Talent des Filius auch in den Dienst der Kirche
gestellt werden könnte. Otis schaffte es im Alter von nur acht
Jahren einen Wettbewerb im Alamo Theater in Jackson, Mississippi zu
gewinnen, und zwar mit Bessie Smiths “Backwater Blues”.
WEEKEND BLUESMAN
Sobald er besser spielen konnte,
verbrachte Otis seine Wochenenden in Belzonis Juke Joints und anderen
Kneipen. Außerdem fuhr er regelmäßig nach Jackson, um dort
Gastspiel-Künstler im Alamo-Theater zu begleiten. Außerdem spielte
er mit seinem Vetter Johnnie Jones in den Clubs der Stadt. Als Otis'
Mutter 1947 starb, schickte ihn der Vater zu Verwandten nach Chicago.
Dort arbeitete er tagsüber als Maurer und trieb sich abends auf
Partys und in Bars herum - eine gute Gelegenheit, den Blues in seiner
ganzen Fülle aufzunehmen. Beim Einstieg in die Szene half ihm kein
Geringerer als Muddy Waters. Jahrelang gaben sich die beiden
gegenseitig als Halbbrüder aus, bis Muddy bei Jim O”Neal
beichtete: “Otis Spann, der war mein Stab und meine Stütze. Wir
standen uns zwar so nahe wie Brüder, waren aber keine." Otis
sammelte in der Chicagoer Tick
Tock Lounge erste Erfahrungen als
Bandleader. Die “Band” bestand aus ihm, dem Mundharmonika-spieler
Forrest City Joe und dem Schlagzeuger Francis Clay. Muddy Waters
hatte seit 1947 in regelmäßigen Abständen für Aristocrat und
Chess Platten eingespielt und dabei sowohl mit Sunnyland Slim als
auch mit Johnnie Jones zusammengearbeitet. Zuerst war
Plattenproduzent Leonard Chess nicht begeistert von der Idee, Muddys
Band mit ins Studio zu lassen, aber als
deren Zusammenspiel und Sound immer
dynamischer wurden, gab er schließlich nach. Und so kam es, daß
zuerst Little Walter und dann Jimmy Rogers und Schlagzeuger Elgin
Evans regelmäßig bei Sessions mit dabei waren. Aber trotz dieses
erstklassigen Line-ups fehlte Muddys Meinung nach
etwas Entscheidendes in der Besetzung.“
lch war davon überzeugt, daß das Klavier schon immer ein
Blues-Instrument war und auch in meiner Musik seinen Platz hatte",
sagte er. “Mit einem Klavier kriegt man ganz einfach einen weitaus
volleren Background-Sound.“
Er hatte sich zu dem Zeitpunkt seinen
Pianisten natürlich schon ausgesucht, und am 24. September 1953
hatte Otis bei einer Session Gelegenheit, ein Solo zu spielen. Das
Ergebnis waren die beiden umwerfenden Titel “Blow Wind Blow” und
“Mad Love“ (auch als “I Want You to Love Me”
bekannt). Zum Zeitpunkt der Session war
Otis bereits zwei Jahre lang Mitglied der Muddy Waters Band gewesen
und hatte dabei einen Klavierstil entwickelt, der die Gitarren
ergänzte, statt sie zu bekämpfen. Diesen Stil hatte er vom großen
Meister Muddy Waters selbst gelernt.
“Mich haben viele Leute gefragt,
wieso der Otis den Blues so gut spielen kann", berichtete Muddy
Waters. “Sie wußten halt nicht, daß er mich besuchen kam. Er
parkte vor meinem Haus mit *ner Flasche Whiskey, und ich setzte mich
zu ihm und erklärte ihm genau, was er auf dem Klavier machen sollte,
während ich den Blues sang." Es traf sich, daß Otis Spann auf
Muddy Waters Platten erschien, als dieser seine größten Erfolge
erzielte. Auf “Mad Love” folgten “I'm Your Hoochie Coochie
Man", “Just Make Love to Me”, “l'm Ready” und “Mannish
Boy". Otis war auch bei Bo Diddleys Debut-Single “l'm a Man”,
bei Howlin” Wolfs “Rocking Daddy”, bei Jimmy Rogers “Walking
By Myself“, Little Walters “Got to Find My Baby” und Chuck
Berrys “You Can't Catch
Me” mit von der Partie. Und als Sonny
Boy Williamson II im August 1955 bei Checker unter Vertrag ging,
wurde Otis bei seinen Sessions genauso unentbehrlich wie bei Muddy
Waters'.
Inzwischen hatte er (im Oktober 1954)
eine eigene Platte herausgegeben. Die Tonqualität war jedoch nicht
berauschend, und niemand scheint genau zu wissen, wer die
Session-Musiker waren. Die heutigen Blues-Experten tippen auf
folgendes Line-up: Henry Current (Mundharmonika), Jody Williams und
B.B. King (Gitarren), Willie Dixon und Fred Below (Baß). Das
Ergebnis einer Spann-Session im Juli 1956 wurde erst in den 80er
Jahren entdeckt: “I'm Leaving You” und “I`m in Love With You
Baby” sind mitreißende, rockende Blues-Nummern. Die Interpreten
Walter Horton und Robert Lockwood wirkten dabei ebenfalls mit. Im
Oktober 1958 begleitete Otis Muddy Waters auf eine Tournee durch
Großbritannien (mit Chris Barbers Jazzband). Für das britische
Publikum, das an den eher vom Folk beeinflußten Stil eines Big Bill
Broonzy, Brownie McGhee und Sonny Terry gewöhnt war, stellte der
harsche Sound von Muddys verstärkter Slide Guitar einen ziemlichen
Schock dar. Sie taten sich etwas schwer, ihn als “The World's
Greatest Living Blues Singer” (wie das Programm ihn bezeichnete)
anzuerkennen. “Am nächsten Morgen standen die Schlagzeilen
“Kreischende Gitarre und jaulendes Klavier” in der Zeitung",
erinnerte sich Muddy Waters.
NEU IN NEWPORT
Zwei Jahre später, am 3. .Juli 1958,
bildeten Muddy und seine Band den Höhepunkt des
“Bluesnachmittags” beim Jazz
Festival in Newport. Als Muddys Auftritt beendet war,
demonstrierte Otis mit der Band anhand
von vier Melodien verschiedene Blues-Piano-Stile. Seine bewegende
Darbietung wurde in das Live-Album Muddy Waters at Newport
aufgenommen. Sein hervorragendes Spiel an jenem Bluesnachmittag in
Newport führte einen Monat später zu einer Aufnahme-Session, deren
Material auf der CD mit dieser Ausgabe zu finden ist. Das
Originalalbum, Otis Spann Is the Blues, wurde am 23. August 1960 in
New York eingespielt und 1961 veröffentlicht. Otis spielte nicht nur
eine Rekordzahl von eigenen Titeln ein (20), sondern begleitete
auch noch den Gitarristen Robert
Lockwood auf vier und den Veteranen der Blueskomponisten, St. Louis
Jimmy, auf sieben Tracks. Er wußte die Gelegenheit zu nutzen, ,seine
Talente als Pianist und Bluessänger ein für alle mal unter Beweis
zu stellen. “Mit Otis im Aufnahmestudio zu arbeiten, war ein
Kinderspiel", teilte der Plattenproduzent Nat Hentoff dem
Journalisten Mark Humphreys mit. “Er wußte einfach genau, was er
wollte. In der Zeit, die wir zur Verfügung hatten, hätten wir
genauso gut vier Alben einspielen können statt nur zwei, denn nach
nur einem Take war die Auf-nahme im Kasten. Wenn's länger dauerte,
dann lag es am Toningenieur und nicht an Otis.” Ein zweites Album
mit dem Titel Walkiıı' the Blues sollte 1962 herauskommen, aber das
Label (Candid) machte pleite, und das Album erschien erst 10 Jahre
später. Spann behauptete immer, daß er mit sei-
ner Rolle als Sideman zufrieden war,
machte aber in den 60er Jahren auch Solo-Alben. 1963 z.B. spielte er
im Rahmen der Europa-Tournee mit dem American Folk Blues Festival in
Copenhagen The Blues of Otis Spann für Decca ein. Muddy Waters –
auf dem Cover als “Brother” bezeichnet -lieferte den
Gitarrenbeitrag. Weitere Album-Sessions folgten; außerdem wirkte
Otis weiterhin bei Sessions von Muddy Waters, Buddy Guy, Luther
Johnson, Johnny Shines, George Smith, Big Ma-
ma Thornton und Johnny Young mit.
T.B. Blues
Frisch Motiviert
Ende der 60er Jahre ging Otis eine
zweite Ehe ein. Seine Frau, Lucille Wilson, wollte Sängerin werden.
Sie wirkte auf Otis' zweitem Album für das Bluesway-Label, The
Bottom of the Blues, mit; außerdem im März 1968 bei Cryin' Time
(Vanguard). Nach Meinung vieler Fans und Freunde war
es Lucilles Ehrgeiz, der Otis Spann zur
Intensivierung seiner Solo-Karriere antrieb. Anfang 1969 nahm Otis an
der Session für Blues Jam at Chess teil, einem Tribut-Album
Fleetwood Macs an Chess und den Chicago Blues. (lm Juni 1968 hatte er
bereits für Blue Horizon eine Single eingespielt, bestehend aus
“Can't Do Me No Good” und “Bloody Murder", begleitet von
Walter Horton, Johnny Shines, Willie Dixon und Clifton James.)
Zwischen Otis Spann und Fleetwood Mac klappte die Zusammenarbeit so
gut, daß eine weitere Session in New York arrangiert wurde, deren
Ergebnis The Biggest Thing Since Colossus war.
Vier Monate später, am 21. April 1969,
sollte Otis mit seinem Mentor und "Bruder" Muddy Waters zum
letzten Mal eine Studio-Session abhalten, der drei Tage später ein
mLive-Mitschnitt folgte: Fathers and Sons. Mit diesem Album huldigten
Paul Butterfield und Mike Bloomfield Waters dem
“King des Chicago Blues". Otis
war zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr Mitglied der Waters-Band,
kehrte aber anläßlich dieser Gelegenheit bereitwillig zurück, um
sein
unvergleichliches Talent wieder zur
Verfü-gung zu stellen.
DIE LETZTEN JAHRE
Muddy Waters hatte Otis Weggang von der
Band mit Gelassenheit getragen. “Wenn jemand Talent hat, dann soll
er es auch zur Schau stellen. Da muß man ihn gehen lassen, selbst
wenn man ihn aus-gebildet hat. Und wir trugen einander nichts nach,
waren ja wie Brüder Wir haben immer gelacht und gescherzt, und oben
auf der Bühne, da hatten wir unsere Insider-Witze, mit denen wir uns
ver-ständigten” Aber Otis blieb nur wenig Zeit, seinen neuen
Status als Solo-Künstler zu genießen.
Im August 1969 spielte er noch einmal
ein Album ein, The Everlasting Blues. Danach jedoch ging es mit
seiner Gesundheit rapide bergab. Am 30. Dezember '69 und am 8. Januar
1970 schaffte er es gerade noch, als Session-Musiker für Junior
Wells' Album Southside Blues Jam zugegen zu sein.
Im Frühling wurde er mit Leberkrebs
ins Krankenhaus eingeliefert. Er starb am 24. April 1970. Seine
Kollegen widmeten ihm,“dem größten Bluespianisten seiner
Generation", das Album Southside Blues Jam. Schon Jahre zuvor
hatte Muddy Waters über Otis gesagt: “Er kennt meine Musik besser
als jeder andere. Wir täten gut daran, noch mal so ein Talent wie
seins heran-zuzüchten.“ Doch das schaffte die Blueswelt nie.
Mit 15 Jahren begann Sykes, Piano zu spielen. Anfang der 1920er zog die Familie nach St. Louis,
wo Sykes bald als hervorragender Bluesmusiker bekannt wurde. Wie viele
ander Musiker zog er herum und spielte vor einem ausschließlich
männlichen Publikum in Sägewerken und Bauarbeitercamps entlang des
Mississippi Rivers. Hier erarbeitete er sich ein Repertoire von rohen,
sexuell anzüglichen Liedern. 1929 wurde er von einem Talentescout
entdeckt und er machte seine erste Plattenaufnahme für Okeh Records. Es
handelte sich um den " 44 Blues", einer Nummer, die zu einem
Bluesstandard und zu seinem Markenzeichen wurde. Er machte viele
Aufnahmen für verschiedene Labels, auch unter Pseudonymen wie „Easy Papa Johnson“, „Dobby Bragg“ und „Willie Kelly“.
In den 1940ern ging Sykes nach Chicago; dort nahm er auch einige Singles für United
auf. Er war einer der wenigen Musiker, die auch während des Krieges, in
Zeiten der Rationierung, Aufnahmen machen durften. Sykes war einer der
ersten amerikanischen Bluesmusiker, die in Europa auftraten. Nachdem der
elektrifizierte Blues in Chicago das Musikgeschehen beherrschte, ging
Sykes nach New Orleans. Dort begann er in den 1960er-Jahren wieder
Platten aufzunehmen so für Delmark, Bluesville, Storyville und Folkways.
Seine letzten Jahre verbrachte Roosevelt Sykes in New Orleans, wo er 1983 starb. 1999 wurde er in die Blues Hall of Fame aufgenommen.
Mehr als ein halbes Jahrhundert lang
War Roosevelt Sykes eines der hervorstechendsten Bluestalente - und
das nicht nur, weil er einer der lautesten Bluesmen war. Die Musik
der Schwarzen machte zu seinen Zeiten viele Veränderungen durch,
doch Sykes war anpassungsfähig.
Neben seiner einschmeichelnden Cocktail
Bar-Melodien produzierte er wunderevollen lauten, stampfenden Blues.
Roosevelt Sykes war ein korpulenter
Mann, dessen gutmütige, wenn auch manchmal bedrohlich wirkende Art
an den Schauspieler Edward G. Robinson erinnert. Er war immer korrekt
gekleidet, rauchte dicke Zigarren oder eine Pfeife und aß (und
kochte) gerne. Im großen und ganzen machte er den Eindruck, als sei
er mit sich, der Welt und dem, was er im Leben erreicht hatte,
zufrieden.
Und seine Erfolge waren beachtlich.
Kein anderer Bluespianist kann so stolze Leistungen vor-weisen wie
Sykes, der praktisch jeden bedeutenden Bluesman seines Metiers
beeinflußt hat. Memphis Slim imitierte ihn anfangs schamlos - bis
Big Bill Broonzy ihn zu einem eigenen Stil überreden konnte. Auch
bei Sunnyland Slim mit seinem ungeschliffenen, kraftvollen
Klavierstil ist Sykes Einfluß deutlich zu hören. Doch auch Sykes'
Songs sind nicht vergessen, z.B. die Evergreens “Night Time ls the
Right Time” oder “Mistake in Life". Letzterer beginnt mit
der Strophe “l met a handsome stranger, tried to persuade her to be
my wife“, die John Lee Hooker falsch verstand
und als “I met half a stranger
interpretierte. Unvergeßlich auch Sykes' anzüglicher Song “Ice
Cream Freezer": “My baby owns a ice cream freezer she lets
meput my milk in her can
Her freezer ain`t to be turned by no
other man Some people crave vanilla or strawberry but black walnut is
all I love When I put my spoon in her freezer it fits like a rubber
glove ...”
ERSTE AUFTRITTE
Sykes hatte es des öfteren mit der
Anzüglichkeit. “Dirty Mother for You” beschreibt “a cute
little secretary, they call her Terry all she needs is a big
DlC...tionary” (“Dick” ist Umgangssprache für Penis). Sykes
muß diese Songs hundert, vielleicht tausend Mal gesungen haben, doch
er klang nie gelangweilt, sondern trug sie immer mit demselben
Enthusiasmus vor. Es war ein wahrer' Genuß,
ihn um sich zu haben und ihm zuzuhören
Er kam am 31. Januar 1906 in der Nähe von West Helena, Arkansas, zur
Welt. Als er noch ein Baby war, zogen seine Eltern nach St. Louis.
Innerhalb weniger Jahre starben jedoch Vater und Mutter, und der
7jährige Roosevelt wurde in einen Bus gesetzt und
zurück nach Arkansas zu seinen
Großeltern verfrachtet. Sein Großvater predigte in der Kirche im
Ort und hatte zu Hause eine Heimorgel,
auf der Roosevelt als kleiner Junge spielen lernte. Später kauften
Nachbarn der Großeltern ein Klavier, und er konnte dort seine Künste
verfeinern.
Als er ca. 15 Jahre alt war (laut einem
Artikel, den sein Kollege John Bentley für Living Blues verfaßt
hatte), spielte er in ein paar Kneipen für oft nicht mehr als 50
Cent Klavier. “Er spielte von Samstag abend bis in die frühen
Morgenstunden am Sonntag, wobei ihm ältere Rivalen grimmig über die
Schulter sahen und auf eine Gelegenheit warteten, den Grünschnabel
loszuwerdenf'
Sykes' Leben änderte sich kurz darauf,
als er den älteren Pianisten Lee Green hörte, der im ortsansässigen
Theater die Hintergrundmusik zu Stummfilmen lieferte. (Wir befinden
uns in den 20er Jahren!) Sykes war so von dessen Können fasziniert,
daß er sich mit ihm anfreundete. Und als Green einen Tapetenwechsel
brauchte und sich auf den Weg nach Louisiana aufmachte, schloß
Sykes sich ihm an.
double dirty mother
“HoBos” UND IHRE
KULTUR
In den nächsten Jahren waren die
Männer viel auf Reisen, wie Bentley berichtete: “Sie trampten
regelmäßig per Eisenbahn, hin und her zwischen New Orleans und St.
Louis Sie kannten die Fahrpläne in- und auswendig, kannten die
Kontrolleure und wußten, wo sich die besten “Hobo-Jungles”
befanden.“ (Hobo-Jungles waren abgelegene Camps, wo die “Hobos”
bzw. Eisenbahn-
Tramper, ob weiblich oder männlich,
ein Feuer machen und sich etwas zu essen kochen sowie sich zum
Schlafen niederlegen konnten.)
Gegen Ende der 20er Jahre ließ sich
Sykes in St. Louis nieder, das damals aus weit verstreut liegenden
Stadtvierteln bestand und nicht gerade den besten Ruf hatte. Die
Verwaltungsbeamten waren durchweg korrupt, und so entstanden
zwielichtige Bezirke mit ebensolchen Kneipen, in denen allerdings die
Jazz- und Bluesmusiker der damaligen Zeit oft Arbeit fanden. So auch
Sykes, der sich mit Klavierspielen, Kellnern oder Tellerwaschen
seinen Lebensunterhalt verdiente.
Einer der Treffpunkte der schwarzen
Musiker von St. Louis war der DeLuxe Musikladen, der sich direkt
hinter dem Booker T. Washington Theater befand. Der Besitzer, Jesse
Johnson, war sowohl im Bereich der Politik als auch der Musik eine
einflußreiche Persönlichkeit der Stadt und hatte z.B. bei ,einigen
Plattenfirmen Kontakte. Sykes trieb sich tagsüber dort herum, hörte
Platten und übte gelegentlich auf dem Klavier, das im Laden stand.
Johnson war es auch, der eines Tages
meinte, Sykes sei gut genug, um selbst Plattenaufnahmen zu machen.
Sykes war anfangs nicht sehr begeistert von dieser ldee, beschloß
jedoch, daß es einen Versuch wert wäre. 1929 setzte er sich in
einen Zug nach New York und spielte ein halbes Dutzend Titel für
Okeh Records ein. Bereits seine erste Single, ““44` Blues”/“Boot
That Thing" ("OKeh 8702", wie sich Sykes viele Jahre
später noch stolz erinnerte), war ein Erfolg, und Sykes machte kurz
darauf weitere Aufnahmen - nicht nur für Okeh, sondern auch für die
Konkurrenz. Um keine
vertraglichen Schwierigkeiten zu
bekommen, legte sich Sykes eine Reihe von Pseudonymen zu: Er war
“Willie Kelly” beim Victor-Label, “Dobby Bragg” bei Paramount
und lief beim Melotone-Label von Brunswick unter dem Namen “Easy
Papa Johnson“. Bis zum Sommer 1923, drei Jahre nach seiner
Debut-Single, hatte er insgesamt 50 Titel aufgenommen, von denen bis
auf zwei alle
erschienen waren. 1934 machte ein
Newcomer den Labels in den USA Konkurrenz - die amerikanische
Zweigstelle des britischen Konzerns Decca Record Company.
Die damaligen Manager waren die
Kapp-Brüder Jack und Dave, die zuvor bei Brunswick Records für die
Bereiche Blues und Country Musik zuständig gewesen waren.
Mitgebracht zu Decca hatten sie ein kleines Büchlein, das wertvolle
Kontakte und Adressen enthielt. Ein wichtiger Name in ihrem
Adressbuch war Jesse Johnson, der auch prompt im August 1934 Sykes
für eine Aufnahme-Session bei Decca buchte. Seine Single “D.B.A.
Blues"/”Ethel Mae Blues” gehörte zum ersten Dutzend
Aufnahmen des neuen Decca-Labels.
HONIGSÜSS
Dann wurde es urplötzlich still um
Roosevelt Sykes. Genau 18 Monate lang, bis Februar 1936, setzte er
keinen Fuß mehr in ein Tonstudio. Doch dann nahm seine Karriere eine
dramatische Wende. Die Session im Februar brachte ihm nicht nur einen
fünfjährigen Vertrag mit Decca ein, sondern er erhielt auch sein
eigenes Markenzeichen: Von nun an wurden seine Platten unter dem
Pseudonym “The Honey Dripper", mit seinem richtigen Namen in
Klammern, veröffentlicht.
War das eine etwas bissige Antwort auf
zeitgenössische Kollegen, die mit ihren Spitznamen - wie Bumble Bee
Slim oder Lovin' Sam Theard (die beide gelegentlich Platten für
Decca einspielten) - Erfolg gehabt hatten? Laut Sykes war die Antwort
darauf Nein, da er dieses Pseudonym schon seit Jahren verwendete. Die
aus St. Louis stammende Sängerin (und Jesse Johnsons Frau) Edith
North Johnson nahm 1929 zwei Versionen eines Songs namens “Honey
Dripper Blues” auf. Man vermutet, daß er Sykes gewidmet war, der
Edith North Johnson manchmal auf dem Klavier begleitete. Doch laut
Sykes stammt der Spitzname aus seinen Kindertagen. Während der
Pausen in der Schule spielte er Orgel, und die anderen Schüler
standen neugierig um ihn herum, was einen von ihnen zu der Bemerkung
verleitete, daß “er so süß wie Honig sein muß, da sie wie die
Bienen um ihn herumschwirren”. Vielleicht stimmt diese Geschichte,
Vielleicht nicht. Man höre sich besser auch noch Sykes” typisch
anzügliche Lyrics seines eigenen Songs mit dem Titel “The Honey
Dripper” an: “Look-a-here pretty mama says l ain”t got no home
Will you let me drip my honey
baby, in your honeycomb l'm your boss
and you know that you my queen bee Don”t you let nobody
fool with your honeycomb but me.”
EINE NEUE HEIMAT
In den 30er Jahren zog Sykes zwischen
St. Louis und Chicago hin und her und machte gelegentlich auch
anderswo Station. In seiner Begleitung sah man häufig St. Louis
Jimmy. Doch Anfang der 40er Jahre ließ er sich in Chicago nieder.
Zwischen 1936 und 1941 nahm er ca. 60 Titel für Decca auf und war
fester Bestandteil in ihrem “Rassen-Katalog". 1941 kehrte er
zu OKeh Records zurück,
das sich seit den Tagen, als Sykes
seine ersten Platten für das Label einspielte, sehr verändert
hatte. Sykes produzierte erfolgreiche und populäre Singles wie “Let
the Black Have His Way” (trotz seines Titels kein rassistischer
Song) und “Training Camp Blues” für OKeh und spielte auf
Sessions
von Washboard Sam, von Lonnie Johnson,
St. Louis Jimmy Oden und anderen Blueskünstlern Klavier.
Viele von Sykes” Kollegen mußten
nach dem Zweiten Weltkrieg die bittere Erfahrung machen, daß sie und
ihre Musik nicht mehr gefragt waren. Nicht so Sykes, der seine
Karriere wieder aufnehmen konnte und noch in den letzten
Kriegsmonaten mit seiner Cover-Version von Cecil Grants Balladen-Hit
“I Wonder” einen Hit in den Jukeboxen landete. Laut Bob Koester
von Delmark Records, der in den 60er Jahren eine Reihe von Sykes`
Platten produzierte, gab es damals angeblich Pläne, Sykes als
Nachfolger des gerade verstorbenen Fats Waller zu vermarkten, und
Sykes nahm auch Wallers “Honeysuckle Rose” auf. Die Idee war gar
nicht so abwegig, wie sie erscheinen mag, da beide Bluesmen die
gleiche Lebensfreude auszeichnete, doch Sykes war inzwischen ein
Künstler in eigener Sache und viel zu erfolgreich, um den lmitator
zu spielen. Ende der 40er Jahre war Sykes ein regelmäßiger Gast in
den Studios von Bluebird und Victor und spielte mit einigen der
besten Studiomusiker von Chicago seine Platten ein, z.B. mit dem
Gitarrist Willie Lacey, den Saxo-phonisten Oett “SaX” Mallard und
Bill Casimir oder dem Schlagzeuger “Jump” Jackson. Diese und
andere Studiomusiker traten auch mit ihm und seiner Band, den
Honeydrippers, in Clubs auf.
Sykes” übermütige, laute und für
damals moderne Musik strotzte von einer Vitalität, die erstaunt bei
einem Künstler, der zu jener Zeit bereits fast 20 Jahre im
Plattengeschäft hinter sich hatte.
Doch in den 50er Jahren erhielt selbst
Sykes' Optimismus einen kleinen Dämpfer, da sich die Fans ziemlich
vom Blues abgewandt hatten (und höchstens den Downhome Blues eines
Muddy Waters akzeptierten) und sich seine Platten nur schlecht
verkauften. 1954 lebte Sykes in New Orleans und machte weder in
Studios Musik noch trat er in Clubs auf. Doch schon bald darauf
kehrte er nach Chicago zurück, wo er sich als Hauspianist im Opera
House Club am Gaslight Square und später im Golden Eagle Saloon
verdingte.
EIN NEUES PUBLIKUM
Anfang 1960 begannen sich die Leute
wieder für den Blues zu interessieren, und Roosevelt Sykes war einer
der Blues-Interpreten, die mit als erste davon profitierten. Ein Tip
von seinem einstigen Jünger Memphis Slim führte zu zwei Alben, die
er 1960 für das neue Bluesville-Label aufnahm. 1961 machte er in
eigener Sache eine Konzert-Tournee durch Europa und spielte in London
ein
paar weitere Alben ein. Mit keiner
dieser LPs erzielte er nennenswerte Erfolge, doch er blieb im
Blues-Geschäft, und man vergaß seinen Namen nicht. Als die
Veranstalter des American Folk Blues Festivals Bluesinterpreten
suchten, die im Rahmen ihres ersten Festivals den Blues nach Europa
bringen sollten, gehörte Sykes zu den Favoriten. Er reiste 1965 mit
dem AFBF nach Europa.
Zu jener Zeit lebte er in Houma,
Louisiana, an der Golfküste, ca. 80 Kilometer südwestlich von New
Orleans. lm Sommer spielte er in Badeorten entlang der Küste, wie
Gulfport oder Biloxi, Mississippi (wo er mit dem Filmstar Jayne
Mansfield auftrat), oder auf einem Vergnügungsdampfer namens
Floating Palace in Houma. In New Orleans selbst spielte er regelmäßig
im Court of Two Sisters Club. Louisiana, so sagte Sykes einmal, “war
ein recht guter Ort für Musik". Doch neben seiner Arbeit fand
er Zeit genug, um zum Angeln zu gehen, ein Hobby, dem er in den
vielen Jahren, die er im Norden des Landes lebte, nur selten
nachgehen konnte. Er schien relativ wohlhabend zu sein - was er auch
hätte sein müssen, hätte er auch nur einen Prozentsatz der
Tantiemen für seine Kompositionen “Driving Wheel” erhalten, mit
der Junior Parker recht viel Erfolg hatte, oder für “Night Time Is
the Right Time", das er zusammen mit Jimmy Oden verfaßt hatte
(obwohl es hier Zweifel gibt, ob es tatsächlich aus Sykes' Feder
stammte).
BLUES FÜR JEDERMANN
Roosevelt Sykes starb am 11. Juli 1983
in New Orleans. ln seinem Nachruf in Living Blues schrieb Bob Koester
voller Bewunderung: “Ich glaube, kein anderer Bluesman war so
philosophisch Seine Philosophie zieht sich wie ein roter Faden durch
seine besten Songs." Als der Blues 1960 sein Revival erlebte,
hatte Sykes dazu bemerkt: “Die Leute fangen gerade an zu begreifen,
was Blues wirklich ist. Die Schwarzen haben das natürlich schon
immer gewußt, obwohl einige versuchten, was Besseres zu sein, und
sich von ihm abwandten. Die Weißen hielten den Blues sowieso für
unter ihrer Würde – sie haben ihn einfach nicht verstanden. Doch
dann stellte sich heraus, daß der Blues in Wirklichkeit wie ein
Mensch ist, der betroffen und betrübt ist, und daß jeder den Blues
haben kann, egal ob Weißer, Schwarzer, Chinese, Japaner - alle
können sie ihn haben. Die Welt ist nicht nur für eine Art von
Menschen gemacht. Dir läuft deine Frau oder deine Freundin davon,
oder ein Rivale nimmt sie dir weg - das bekümmert dich. Du steckst
viel Geld in etwas hinein, und dann hintergeht dich jemand, und du
bist pleite - das macht dich fertig. Du hast viel Zeit und Energie
investiert und bist nun kraft- und willenlos. Und dann hast du den
Blues. So, wie ihn jeder haben kann.“
"People
are just beginning to understand what is really blues. The blacks
have of course always known, although some tried to be something
better, and turned away from him. The whites were the blues anyway
beneath them - they just do not understand him. But then it turned
out that in reality the blues is like a person who is affected and
afflicted, and that everyone can have the blues, whether White,
Black, Chinese, Japanese - all they can have him. The world is not
only made for one type of people. You running out of your wife
or your girlfriend, or a rival it takes you away - that troubles you.
You put a lot of money into something, and then you go behind someone
and you're broke - that makes you ready. You spent a lot of time and
energy and are now-and will-power. And then you got the blues. So how
can it have any. "
Roosevelt
Sykes wurde am 31. Januar 1906 in Elmar, Arkansas geboren, wo sein
Vater als Musiker arbeitete. 3 Jahre später zog der Vater mit seiner
Familie nach St. Louis, Missouri. Ungefähr im Alter von 10 Jahren
spielte der Junge bereits Orgel. Oft besuchte er den Großvater auf
seiner Farm in der Nähe von West Helena und spielte dort Orgel in der
lokalen Kirche. Um 1918 erlernte er den Blues am Klavier. Bereits 3
Jahre später war er wie viele Bluesmusiker seiner Zeit als Wandermusiker
in den Barrelhouses und Bordellen von Louisiana und Terpentinöl- und
Deichbau-Lagern entlang des Mississippi unterwegs. In St. Louis trat er
meist solo auf, doch gelegentlich schloss er sich anderen Musikern wie
dem Gitarristen Big Joe Williams
an. Großen Einfluss auf seinen frühen Bluespiano-Stil schrieb er später
den damaligen lokalen Musikern von St. Louis wie "Red Eye" Jesse Bell,
Joe Crump, Baby Sneed, und seinem wichtigsten Mentor "Pork Chop" Lee
Green zu, der Sykes den "Forty-Four Blues"-Stil am Klavier lehrte -
Musiker, die nie eine Schallplatte aufnahmen und heute vergessen sind.
Sykes blieb in St. Louis obwohl er in den späten 1920er-Jahren häufig
nach Memphis und Chicago reiste.